Warum die Bayern ihre Landeshymne nicht auswendig können – und ein Mann dagegen kämpfte
Alex TintzmannWarum die Bayern ihre Landeshymne nicht auswendig können – und ein Mann dagegen kämpfte
Bayern kämpfen mit den Worten ihrer eigenen Landeshymne – die meisten erinnern sich nur an die erste Zeile. Ein Mann wollte das ändern und verteilte tausende Textkarten. Die Europahymne hingegen, basierend auf Beethovens „An die Freude“, bleibt ohne Worte und steht für Einheit und Frieden.
Rudolf Hierl, ein Münchner Briefträger und gelernter Schlossermeister, verbrachte Jahre damit, über eine halbe Million Postkarten mit dem Text der bayerischen Hymne zu verteilen. Seine Aktion brachte ihm einen Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“ ein – für seine Kampagne zugunsten von „Heil unserm König, Heil!“. Doch trotz seines Engagements tun sich viele Einheimische noch immer schwer mit den Strophen.
Sogar Politiker wurden schon dabei ertappt. Der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber stand einmal stumm da und bewegte nur die Lippen, weil er den Text vergessen hatte. Sein Nachfolger, Markus Söder, könnte vor einem ähnlichen Problem stehen – nicht mit der bayerischen, sondern mit der Europahymne. Denn anders als die bayerische Version hat die europäische Hymne keinen offiziellen Text. Abgeleitet aus Beethovens Neunter Sinfonie, verweist der ursprüngliche „An die Freude“-Text auf das Elysium und einen Cherub. Statt mit Worten setzt sie als instrumentales Stück ein Zeichen für Freiheit, Frieden und Solidarität auf dem gesamten Kontinent.
Hierls eine halbe Million Postkarten konnten das Textproblem der Bayern nicht lösen. Die Europahymne umgeht die Schwierigkeit hingegen ganz – indem sie schlicht ohne Worte auskommt. Beide Hymnen bleiben mächtige Symbole: die eine ein Kampf mit dem Gedächtnis, die andere mit der Stille.