20 December 2025, 00:44

"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Verlangen

Ein Gemälde, das ein paar tanzende Menschen mit Noten oben darstellt.

"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Verlangen

"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren

Was tun mit einem Skandalwerk von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Deutung von Richard Strauss’ Salome – gesangsfreundlich inszeniert.

Ein mutiger Neuentwurf von Richard Strauss’ Salome hat an der Komischen Oper Berlin Premiere gefeiert. Regisseur Evgeny Titov deutet die Titelfigur nicht als verführerische Femme fatale, sondern als eine flüchtige, buchstäblich kopflose Gestalt – dargestellt durch einen kugelförmigen Schild und wandelndes Licht. Die am 22. November 2025 uraufgeführte Produktion befreit sich von Klischees und legt tiefere Themen wie Begehren, Voyeurismus und die Zerbrechlichkeit der Identität frei.

Strauss’ Salome war einst so brisant, dass die Wiener Hofoper sie schlichtweg verbot. Berlin brachte das Werk schließlich auf die Bühne – allerdings nur unter strengen Auflagen. Mehr als ein Jahrhundert später ist der Skandal verrauscht, doch die Wucht der Oper bleibt ungebrochen und zieht nach wie vor großes Publikum an.

Titovs Inszenierung unterstreicht diese Intensität mit einem schroffen, matt-goldenen Gewölbe als Bühnenhintergrund. Die Bühne wird zu einer gefährlichen Landschaft, in der Nicole Chevalier als Salome sich sowohl körperlich als auch stimmlich gegen Strauss’ überwältigende Orchestrierung behaupten muss. Ihre Darstellung steht im Zentrum der Produktion, besonders während des berüchtigten Tanzes der sieben Schleier. Hier vervielfacht Titov ihre Präsenz: vermummte Tänzerinnen spiegeln Salome, jede Bewegung verstärkt Herodes’ Besessenheit – nicht von der Frau selbst, sondern von der Illusion, die sie verkörpert. Begehren durchdringt die gesamte Inszenierung, die Figuren klammern sich aneinander, während die anderen sich entziehen. Matthias Wohlbrechts Herodes durchschneidet die Spannung mit einer Stimme, die scharf und beunruhigend wirkt, und fängt so die Mischung aus Furcht und Grausamkeit des Königs ein. Doch nicht alle Entscheidungen überzeugen – etwa die Ästhetik einer BDSM-Party am Hof, die in entscheidenden Momenten verschwindet und das visuelle Konzept unausgeglichen wirken lässt.

Die nächsten Vorstellungen finden am 7., 12. und 18. Dezember an der Komischen Oper Berlin statt. Eine Sonderaufführung ist zudem für den 27. Dezember 2025 um 19:30 Uhr im Schiller Theater geplant.

Titovs Salome wirft einen frischen Blick auf eine bekannte Geschichte und tauscht Sensationslust gegen psychologische Tiefe. Indem die Inszenierung Salome buchstäblich und im übertragenen Sinne den Kopf abschneidet, zwingt sie das Publikum, sich mit dem auseinanderzusetzen, wofür sie steht: ein Nichts, auf das andere ihre dunkelsten Fantasien projizieren. Das Ergebnis ist eine fesselnde, wenn auch nicht makellose Erkundung einer Oper, die auch mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Uraufführung noch immer provoziert.